"Das größte Einfallstor ist der Mensch"

Im April 2025 legte Sebastian Knittlers Vater ihm einen Zeitungsartikel hin - die Geschichte über das junge Chiemgauer Start-up “moreFactory” und den Hinweis auf das erste “Gründungsfestival” in Traunstein. Knittler war zu dem Zeitpunkt kurz davor, mit zwei Kollegen das Start-up “Saphira Security” zu gründen. Er besuchte das Festival und lernte dort den Gründer von moreFactory kennen. Vor kurzem haben beide Unternehmen gemeinsam mit weiteren Partnern eine sehr gut besuchte Online-Seminarreihe zu aktuellen EU-Regelungen veranstaltet. “Der EU IA Act, der Cyber Resiliance Act und die neue NIS2 Richtlinie betreffen viele Unternehmen im Chiemgau”, sagt Knittler: “Viele Unternehmen wissen gar nicht, dass sie betroffen sind, beispielsweise durch die Lieferkette. Und machen sich keine Vorstellung, welche Schäden im Falle eines Cyber-Angriffes entstehen können - von Produktionsausfall über Wiederherstellungskosten bis zum Imageschaden." 

Vom Zeitungsartikel zur Zusammenarbeit

Die gemeinsame Seminarreihe sei nur einer von mehreren Synergie-Effekten, die sich seit dem Besuch des Gründungsfestivals ergeben haben, berichtet der 29-Jährige. Mittlerweile fahren sie auch mal gemeinsam zu Kundenterminen. “Während es bei der moreFactory um die Sicherheit von Produkten geht, steht bei uns der Mensch im Vordergrund. Das größte Einfallstor für Schäden in der IT eines Unternehmens ist nun mal der Mensch”, sagt Knittler: “Da gibt es noch große Wissenslücken. Die Leute müssen verstehen, dass man was tun muss.” Zum Beispiel, dass man nicht denken sollte “wird schon passen”, wenn sich ein Programm am PC seltsam verhält. Oder, dass man bei einem Angriff die Netzwerkverbindung, aber nie die Stromverbindung trennen sollte. Denn dadurch wird der Arbeitsspeicher geleert. Damit würden aber “alle Spuren verwischt. In jedem Fall lieber als erstes die zuständige IT oder Sicherheitsexperten fragen”, empfiehlt er.

Der Firmensitz von “Saphira Security” ist in Kirchanschöring, seine beiden Mitgründer, Stefan Baumgärtner und Lukas Kießling, sind Ex-Kollegen aus einem früheren Job. Gemeinsam betreuen und beraten sie Kunden aus der Region und bis nach Frankfurt. Außerdem arbeiten sie an einer Lernplattform zum Thema IT-Sicherheit. Seit dem letztjährigen Gründungsfestival ist das Start-up in das Netzwerk von Stellwerk18 integriert, dem digitalen Gründerzentrum der Region. 80 Unternehmen und 40 Start-ups aus Südostoberbayern gehören ihm an. Dass er und seine Kollegen beim diesjährigen Gründungsfestival am 24. April dabei sind, ist eine Selbstverständlichkeit, betont der Inzeller: “Wir haben hier so viele Synergieeffekte und Möglichkeiten der Zusammenarbeit entdeckt - und das alles wegen eines Zeitungsartikels”, schmunzelt er.  

Dr. Gabi Leonhardt ist seit Januar Netzwerkmanagerin beim Stellwerk18, das ihren Worten zufolge digitale und skalierbare Gründungs-Initiativen unterstützt: “Man sieht, was dabei herauskommt”, sagt sie mit Blick auf den bisherigen Werdegang der beiden heimischen Start-ups. Das Stellwerk18 kann Gründungswillige neben Know-How und einem großen Netzwerk auch durch günstige Büros unterstützen. Aktuell ist eines der Gründerbüros am Stadtplatz frei. Für das Gründungsfestival am 24. April am Traunsteiner Stadtplatz, einer Initiative von den Gründungsakteuren aus der Region, laufen die Vorbereitungen. Auf dem Programm stehen eine Reihe von kurzen Impulsreferaten rund um das Thema Gründen, Start-up und Best Practice. Es beginnt um 15 Uhr mit einem Speeddating und endet mit einer Afterparty. Anmeldungen sind über chiemgau-wirtschaft.de/veranstaltungen noch möglich. 

“Irrsinn, dass Mitarbeitende vollen Zugriff auf KI haben”

Neben seiner Projektarbeit für “Saphira Security” ist Sebastian Knittler auch wissenschaftlicher Mitarbeiter des Cyber Intelligence Institut in Frankfurt. Es beschäftigt sich mit Cyber Security und Themen aus dem Umfeld der Künstlichen Intelligenz (KI). Auch, wenn die Arbeit mit KI-basierten Modellen wie ChatGPT mittlerweile zum Standard in Büros gehört, ist der 29-Jährige oft schockiert über den Umgang mit KI: “Ich finde es Irrsinn, wenn alle Mitarbeitenden vollen Zugriff auf KI-Modelle haben. Wie schnell werden da Firmengeheimnisse und personenbezogene Daten mit einem Mausklick hochgeladen? Oder sensible Inhalte eines Vertrages oder einer Korrespondenz. Man muss sich immer bewusst sein, dass alles, was in kostenlosen ChatGPT Modellen hochgeladen wird, zum Training der KI verwendet werden kann”, warnt er. Auch deshalb sieht er es als eine seiner Hauptaufgaben, Bewusstsein für die Risiken herzustellen.

Wie erging es Christoph Schauer, dem Gründer von “moreFactory”, in den vergangenen zwölf Monaten? “Ich beschäftige mittlerweile einen Entwickler in Teilzeit sowie einen Werkstudenten”, sagt der Traunsteiner. “Jetzt geht es darum, aus der Entwicklung ein Produkt zu machen, das sich am Markt behaupten kann. Gerade habe ich eine Förderung in Aussicht. Mittelfristig hoffe ich, dass sich meine Arbeitszeiten normalisieren, denn im Moment steckt noch sehr viel persönlicher Einsatz im Produkt, räumt der 38-Jährige ein. Am 24. April wird auch er wieder beim Gründungsfestival sein, sein Netzwerk pflegen, neue Kontakte herstellen und vielleicht dem einen oder anderen jungen Start-up Rede und Antwort zu seiner Geschäftsidee stehen. 

Willkommen im Chiemgau